Wir, die Wegnehmgesellschaft

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir oft lieber nehmen als geben. Wie wir wieder zu uns zurückfinden und unseren eigenen Wert der Verbundenheit erkennen können, erfährst Du hier.

Es passiert ganz unbewusst und ist doch ein gesellschaftliches Phänomen. Unsere Ängste und Glaubenssätze vermitteln diesen Eindruck. Solche Gedanken wie „Was, wenn das Mädel neben mir im WG-Casting jetzt das Zimmer bekommt?“, „Was, wenn diese Person doch lieber eine Leistung bei xy bucht anstatt bei mir?“, „Warum gönnt mir x diesen Erfolg/Zustand nicht?“ – kommt Dir das bekannt vor?

Was ist das Gefühl dahinter?

Wir alle haben Angst, dass uns etwas weggenommen wird. Oft sogar Dinge, die wir de facto noch gar nicht „besitzen“. Diese Angst ist eigentlich Verlustangst, eine von der Sorte, die ganz tief in uns wohnt. Das kann sich ausdrücken als Verlust von Anerkennung, von Liebe oder einfach dem Gefühl, das Brené Brown so schön beschreibt: worthy of connection (dt.: den Wert des Verbunden seins).

Schaut man sich diesen Umstand genauer an, ist es eine Frage der Perspektive und hat seinen Ursprung wohl in unserer deutschen Geschichte. Nach dem Krieg hatten die meisten unserer Vorfahren nichts. Viele kein Dach über dem Kopf, kaum Essen, kaum Kleidung. Alles musste man sich erst wieder aufbauen, erarbeiten, verdienen. Weil wir von Menschen umgeben waren, denen es genauso oder ähnlich ging, wollte sich jeder möglichst um das eigene Überleben kümmern – verständlich! Geben kam oft an zweiter Stelle.

In den Generationen danach ist dieser Gedanke jedoch häufig stecken geblieben und hat sich in eine Art „Ur-Angst“ verwandelt. Mein Auto, mein Haus, mein Garten – und wehe jemand schaut über den Zaun (Achtung: Sarkasmus).

Die Übertragung auf das heutige Leben

Nun denken wir mal nicht in Gegenständen, sondern in Gefühlen. Stell Dir vor, Person A kommt in eine Gruppe von Menschen, in diesem Fall alles Freunde von Person B, die sie noch nicht kennt. Sie unterhält sich, versteht sich gut, und freundet sich auch mit jemandem an. Person A ist total dankbar, weil sie sich ein wenig einsam gefühlt hat und sich immer über den Kontakt zu Gleichgesinnten freut. Nun besteht also eine neue Verbindung und Person B hat zwei Optionen: Entweder ist sie froh und glücklich, „ihre“ Freunde zu teilen, oder sie hat das Gefühl, dadurch in ihrem Freundeskreis weniger Wert zu sein. Entscheidet sie sich für letzteres und dafür, das Person A mitzuteilen ohne den Kern ihrer Gefühle zu verstehen, entsteht ein Graben in der Freundschaft von A und B.

Ein anderes Beispiel: Person C hat ein Erfolgserlebnis, sagen wir ein Blogpost kam super an und sie hat wunderbares Feedback bekommen, und teilt das mit Person D. Die wiederum hat ebenfalls zwei Möglichkeiten: Sich mit Person C zu freuen, oder ihre eigene Angst walten zu lassen und zu fürchten, dass sich die Beziehung der beiden nun verschlechtert, weil jemand Neues (in diesem Fall die Öffentlichkeit/jemand unbekanntes) dazugekommen ist.

Was bleibt ist ein Gefühlschaos

Du ahnst vielleicht, wohin das alles führt. Mitunter in viele Diskussionen, verletzte Gefühle, unausgesprochene Vorwürfe. Alle vier Personen sind auf der Suche nach einer Bestätigung, ihrem Wert der Verbundenheit. Sie haben Angst, etwas weggenommen zu bekommen, anstatt mit Freude zu geben. Erkennen wir das nicht selbst, wird die Kommunikation immer schwer sein. Doch wie können wir das schaffen?

Wie kann man das angehen?

Der wertvollste Start ist, sich über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse klarzuwerden. Viele der Dinge, die ich beschrieben, habe sind auf das Innere Kind zurückzuführen. Wenn Du davon noch nichts gehört hast und Dich angesprochen fühlst, kann ich von Herzen das Buch „Das Kind in Dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl empfehlen. Wenn Du auf der Reise schon ein wenig weiter bist, ist es wichtig zu lernen, sich in die Beobachter-Perspektive zu versetzen. Das klingt leichter als es ist, aber es ist jede Mühe wert. Am einfachsten ist dieser Weg, wenn Du eine gute Verbindung zu Dir aufbaust. Sei es durch ein Journal, in das Du regelmäßig Deine Gedanken schreibst und sie reflektieren kannst, oder Meditation. Das können auch erstmal nur 5 Minuten jeden Tag sein. Du beobachtest Deine Gedanken wie Wölkchen und lässt sie vorbeiziehen.

Hat man die „Theorie“ einmal raus ist die Königsdisziplin, das auch IN der Situation anzuwenden. Kurz danach ist auch okay, aber zeitnah. Was es dafür braucht ist die Erkenntnis, dass Gedanken und Gefühle auch nur temporär sind und sie uns nicht bestimmen. Das Leben ist ein kommen und gehen, ein geben und nehmen – in Balance. Wir haben in jedem Moment die Möglichkeit, uns für einen anderen Weg, einen anderen Gedanken, ein anderes Gefühl zu entscheiden. Aber davor gilt es, sie zu verstehen. Nimm Dir also in der nächsten Situation einen Moment, in dem Du gedanklich einen Schritt zurücktrittst und die Situation und die dahinterliegenden Bedürfnisse aus der Vogel-Perspektive betrachtest. Du wirst schnell erkennen, welche Angst dahintersteckt – oft sogar für Dich als auch Dein Gegenüber.

Die 3 Schritte nochmal im Überblick:

– Sich über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse klar werden (Bücher zum Inneren Kind, Meditation, Journaling)
– Üben, die Situation in der man gerade steckt aus der Vogel-Perspektive zu sehen und eigene Gefühle und Bedürfnisse für diesen Moment wahrnehmen
– Verarbeiten und mit dem Journal oder Gegenüber besprechen
– Zusatzaufgabe: Einfach mal geben, ohne etwas als Gegenleistung zu erwarten

Um bei sich anzukommen, hilft generell Entschleunigung, mehr Achtsamkeit, etwas mit den eigenen Händen tun (schreiben, malen, basteln etc.) und Yoga, wenn Du dafür offen bist.

Zum Abschluss noch ein schönes Sprichwort zu all diesen Themen:

Man kann die Dinge durch Liebe, oder durch Angst sehen.

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