Perfektionismus – Stärke oder Schwäche?

Warum weder das eine noch das andere zutrifft

Die meisten von uns haben Perfektionismus sicher schonmal als Schwäche angegeben. Eine Schwäche, die uns eigentlich gut dastehen lassen soll, da wir sie insgeheim als Stärke sehen. Warum das nicht mehr zählt und wie Du damit umgehen kannst, erfährst Du in diesem Beitrag.

Perfektionismus ist Teil einer Gruppe von 4 kleinen Teufeln, die uns innerlich blockieren. Neben dem Imposter Syndrome (dt.: Hochstapler-Syndrom), Beurteilung und Vergleichen ist Perfektionismus wohl das, was am meisten gesellschaftlich anerkannt ist. Vielleicht bewundern wir sogar hin und wieder Menschen, die genau das ausstrahlen. Doch was bedeutet das eigentlich?

Ein klassischer Perfektionist ist jemand, der sehr hohe Ansprüche an sich selbst und sein Umfeld stellt, Angst davor hat, zu versagen und nie das Gefühl hat, gut genug zu sein. Selten ist er zufrieden mit seiner Arbeit oder dem was er am Tag geschafft hat. Er hat immer das Gefühl, es noch besser machen zu können. Den gleichen Anspruch hat er an andere: wenn sie nicht so akribisch arbeiten wie er oder die Dinge nicht ganz so genau nehmen, neigt der Perfektionist dazu, sie innerlich abzuwerten bzw. sich dadurch aufzuwerten.

Was wäre, wenn …

Wir in einer Welt leben würden, in der es nur Perfektionisten gäbe? Wir würden vermutlich alle rund um die Uhr arbeiten, kein Wochenende genießen, enttäuscht ins Bett gehen und unter Druck aufstehen. Niemand könnte den Moment genießen, weil wir immer schon an die nächste Aufgabe, das nächste Projekt, die Zukunft denken. Wenn nicht das, dann wühlen wir in der Vergangenheit und suchen nach Momenten, in denen wir eben nicht perfekt waren und verurteilen uns dafür.

Oder: wir hätten für alles eine Lösung, niemand würde mehr schludrig arbeiten, es gäbe weniger Fehler, weniger Störungen, weniger menschliches Versagen. Weniger Verbesserungen im Nachhinein, weniger Abwertung untereinander, weniger Diskussionen, wie man eine Sache nun produktiv angeht. So oder so: wir wären alle gleich.

Wie sieht ein gesunder Mittelweg aus?

Wenn wir es schaffen, die positiven Dinge aus beidem zu vereinen, dann profitiert jeder davon. Wir dürfen also immer noch einen gewissen Standard an uns selbst haben, 100 Prozent, aber vielleicht nicht mehr dauerhaft 120 Prozent geben, und vor allem selbst anerkennen, was wir gut gemacht haben und uns dafür loben. Uns Vorbilder suchen, die beides können, oder ein Vorbild auf jeder Seite. Uns in Leichtigkeit üben und gleichzeitig unseren Fokus behalten.

Wir dürfen am Ende des Tages auch zufrieden nach Hause gehen, wenn wir nicht alle unsere To Do’s geschafft haben und trotzdem stolz auf das sein, was wir geschafft haben. Lernen Nein zu sagen, um uns nicht noch mehr aufzuhalsen als wir eh schon tun. Und wir dürfen herausfinden was andere tatsächlich von uns erwarten und wie wir diese Erwartungen erfüllen, ja auch mal ein wenig übertreffen können, ohne uns dabei selbst zu verlieren. Wir dürfen dem Perfektionisten in uns einen Zeitraum am Tag einräumen und ihn liebevoll vor der Tür stehen lassen, wenn er gerade nicht mehr gebraucht wird.

Ein Blick nach Innen

Perfektionismus entsteht aus einem Glaubenssatz heraus, nicht gut genug zu sein. Gepaart mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung glauben wir, nur (setze das passende für Dich ein) zu verdienen, wenn wir uns keine Fehler erlauben und immer 120 Prozent geben. Um diese Eigenschaft aufzulösen (sollte sie Deiner Meinung nach zu stark ausgeprägt sein) dürfen wir lernen, unseren Tank an Liebe und Anerkennung selbst zu füllen, bis wir nicht mehr von Anderen abhängig sind. Wir alle wünschen uns das auch von anderen, daran ist nichts verwerfliches – doch wenn wir es uns selbst geben können verpufft die Macht, die Perfektionismus manchmal über uns hat.

Wenn Dein Unterbewusstsein viel zu aktiv ist und Du das Gefühl hast, nicht wirklich abschalten zu können, solltest Du damit anfangen, Deinem Geist Pausen zu gönnen. Was bringt Dich so richtig runter und macht Dich frei? Eine Runde joggen, lesen, meditieren, basteln/nähen/stricken oder einfach mal alle Gedanken aus dem Kopf und aufs Papier? Finde es heraus! Aktive Pausen und Zeit zum Nachdenken sind unheimlich wichtig, um im Gleichgewicht zu bleiben.

Wenn Du Dich fragst, was Du außerdem tun kannst, hier noch ein paar Tipps:

  • Versuche für einen Tag mal 110 anstatt 120 Prozent zu geben und schau, was passiert. Bekommst Du immer noch genauso viel Anerkennung? Super! Probiere es mit 105 Prozent aus und das so lange, bis Du ein gesundes Maß für Dich gefunden hast.
  • Hör in Dich hinein und versuche die Gefühle zu deuten, die aufkommen, wenn Du Dich vom Perfektionismus getrieben fühlst. Was wollen sie Dir sagen?
  • Notiere Dir zu Beginn jeden Abend ein Erfolgserlebnis des Tages. Ja, jeden Tag. Es geht nicht um die Größe des Erfolges, sondern um das, was Du dabei fühlst. Vielleicht hast Du es endlich mal wieder zum Yoga geschafft, den Müll rausgebracht, oder 10 Seiten in Deinem Buch gelesen? Trainiere Dein Gehirn darauf, sich selbst zu loben. Vertrau mir, es wirkt!

Mit Liebe aus der Stadt am Ozean,
Vanessa

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