Mein Meditationswochenende im Kloster – wie ich mein Kraftfeld auf 90 x 80 cm gefunden habe

Okay, ich bin mir ja sicher die ersten von euch haben bei „Kloster“ und Meditationswochenende“ schon auf Durchzug geschalten, aber bleibt dran, denn dieser Post nimmt euch mit auf eine Reise durch vollkommene Ruhe, Beseeltheit, Vertrautheit, Erkenntnis, Zerstreutheit und Enttäuschung. Na da wird doch für jeden etwas dabei sein oder? Also los geht’s:

Tief hingen sie über Frankfurt, die Regenwolken auf meinem Weg in das naheliegende Kloster Ilbenstadt zu einem aufgrund einer Übersprungshandlung gebuchten Meditationswochenende (einer meiner „Ich-kann-Nachts-nicht-schlafen-Käufe, schon mal gemacht? … ja, genau DIE!)

Ich hatte einfach keine Ahnung was mich erwartet so als Zen-Meditation-Neueinsteiger. Dort angekommen und mein Jugendherbergszimmer bezogen (Einzelbett, Waschbecken, Schrank, inklusive prägende Erinnerungen an meine Schullandheimzeit) machte ich mich also auf den Weg in den Gruppensaal. Ich setzte mich auf den mir zugeteilten Platz, um mich herum noch Leere und wartete. Ich war in Hochstimmung, denn meine geheimen Erwartungen an das Wochenende waren natürlich hoch. Da saß ich, bereit mich innerhalb von zwei Tagen selbst zu finden, mit allen Geistern aus der Vergangenheit aufzuräumen, mich vollkommen zu entspannen und Meditation so richtig gut zu lernen.

Tjaaaa, denkste! Nach der ersten Präsentation der Zen Coache Kerstin und Wolfgang war mir bereits klar, dass ich Meditation nicht „so richtig gut lernen“ kann, da es wohl eher eine Sache des Loslassens, als der Kontrolle ist. Kann man Loslassen lernen oder ist es eher ein Gefühl, eine Einstellung, die sich etablieren muss? Über die leicht gedämpfte Stimmung nachdem ich also erfahren hatte, dass das Ganze anstrengender werden würde als ich dachte, halfen mir jedoch meine hinzugekommenen Sitznachbarn hinweg. Nach einem Theorie-Teil war er dann da der Zeitpunkt der ersten gemeinsamen Meditation mit allen anderen 27 Teilnehmern.

Jeder bekam eine Mediationsbank und eine Matte zugewiesen und der Ablauf wie man die Zendo (Raum, in dem Meditation stattfindet) betreten sowie verlassen sollte, wurde uns erklärt und los ging es. Die ersten 13 Minuten in Stille sitzen. Es waren lange 13 Minuten und mein Kopf war ein einziges Durcheinander aus To-Do-Listen, Wochenabläufen, Urlaubsplänen unterbrochen von stillen „Konzentrier dich! Aber auf was nur?“- und „Entspann dich!“-Ausrufen. Nach 5 Minuten Pause zum Dehnen auf der Matte, ging es weiter. Von Einheit zu Einheit wurde ich ruhiger, sortierte mich, konzentrierte mich mehr, aber wurde auch immer verwirrter. Ich fragte mich, was ich eigentlich hier machte. Was sollte das jetzt? Bisher kam mir noch keine Erinnerung aus der Vergangenheit mit der ich abschließen konnte, keine bahnbrechende Selbsterkenntnis oder dergleichen. Nach einer weiteren Theorie-Einheit und während einer weiteren Meditaitonseinheit hielt ich es kaum noch aus, ich war müde und erschöpft und ich wusste nicht, was eigentlich mein Ziel war, machte ich alles richtig? Oder vielmehr was sollte ich überhaupt machen?

Dann fiel endlich mein Name und ich durfte zu Kerstin in die Taiwa, eine Einzelsitzung mit einem Zen-Coach, in dem einem eine spezielle Atemtechnik gezeigt wurde und man seine bisherige Erfahrung mit der neuen Situation mitteilen durfte, endlich, das hätte keine Sekunde mehr später kommen dürfen.

Ich setzte mich zu Kerstin und erklärte ihr, dass ich mir nicht sicher sei, ob ich das alles so richtig mache. Daraufhin nahm Kerstin mir mir einem Satz alle meine Zweifel. Sie sagte mir, dass es kein „richtig“ und kein „falsch“ gäbe, dass die Meditationsmatte mein 80 x 90 cm Kraftfeld darstellt, auf dem alles erlaubt ist und das völlig frei von Wertung ist, frei von „muss“ oder „kann nicht“. So etwas Rührendes hatte diese Situation für mich. Ab diesem Zeitpunkt wurde mein Blick auf die Dinge anders. Ich konnte mich auf mich besinnen und diese 80 x 90 cm als wertvolle Quelle meiner eigenen Kraft ansehen. Die Tatsachen, dass ich auf dieser kleinen Fläche komplett frei von Wertung war, wo doch unser, jedenfalls mein Alltag ausschließlich von Wertung geprägt ist, was so erleichternd und befreiend für mich. Die nächsten Meditationseinheiten verliefen dementsprechend anderes, schöner, intensiver.

Der nächste Tag begann in Schweigen. Es fühlte sich unfassbar komisch an mit 30 Leuten an einem Frühstückstisch zu sitzen, ohne zu sprechen. Anfangs meldete sich bei mir das schlechte Gewissen: „Warum schweigen mich alle an, hab ich etwas verbrochen?“ Natürlich war mir klar, dass das kompletter Schwachsinn war, dass ich nichts getan hatte und das Schweigen lediglich unsere Tagesaufgabe war. Trotzdem verschwand dieses negative Gefühl etwas falsch gemacht zu haben erst Stunden später. Irgendwann wurde das Schweigen angenehm und auch der Spaziergang mit einem der anderen Teilnehmer durch das Schweigen gleich intensiver, irgendwie vertrauter. Auch im Gruppenspaziergang war es wieder eben dieser Teilnehmer, der stets stillschweigend an meiner Seite lief und mir ein Gefühl von Sicherheit gab. Eine Form der Vertrautheit, die ich in dieser Art das erste mal spürte. Aber nicht nur das gemeinsame Schweigen, auch das einsame Schweigen fühlte sich plötzlich positiv an. Es fühlte sich befreiend und beseelt an, einfach man nichts sagen zu müssen, sondern einfach nur zu sein.

Fast zwei Wochen später und auf dem harten Boden der Realität gelandet. Leider nicht abgefedert durch meine Meditationsmatte. Wo man durch die Gruppenzugehörigkeit an diesem Wochenende einen Zusammenhalt und eine gewisse Sicherheit gespürt hat, fand man sich im Alltag dann doch wieder alleine auf seiner Holzbank und Matte sitzend. Darauf war ich nicht vorbereitet, darauf dass man aus der neu gewonnenen Gemeinschaft herausgerissen wird und da eben doch wieder „alleine“ durch muss.

Aber so muss es ja eigentlich sein. Denn nur Du selbst kannst etwas verändern in deinem Leben. Es gibt sicher Leute, die Dich kurz an die Hand nehmen können und für einen Moment mit Dir stehen bleiben können. Aber nach vorne weitergehen oder mit Dank zurückschauen, das kannst nur Du selbst.

Und so scheint es fast als hätte ich am Ende doch die langersehnte Erkenntnis gewonnen, die Klarheit was zu tun ist. Wenn man mich fragen würde, was ich mitgenommen habe, aus diesen zwei Tagen dann ist es wohl Folgendes:

  • Stille kann sich positiv und nach Zuhause anfühlen
  • Gedanken muss man zulassen ohne Wertung ansonsten nährt man negative Gefühle
  • der Alltag hat die Macht einen von sich selbst wegzuführen, umso wichtiger sich seine eigenen Kraftfelder zu schaffen und sich wieder zurückzuholen
  • Alleine sein, mit sich sein, ist das was uns zu uns führt, niemand kann uns dabei helfen, da müssen wir alleine durch und das ist harte Arbeit!

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