Die 20er, welche Erfahrungen ich nicht missen möchte und auf welche ich vielleicht auch hätte verzichten können

Woohooo, er steht an, die große drei mit der null dahinter, einen Monat noch und dann ist es so weit, ich werde dreißig. Mit neunzehn war ich mir sicher, mit dreißig hätte ich meine erstes dickes Polster auf dem Konto, wäre glücklich verheiratet mit meinem langjährigen Partner und wir würden mit unseren 2 Kindern (einem Jungen und einem Mädchen) in einem freistehenden alten Bauernhaus leben natürlich stylisch renoviert mit viel Land und noch mehr Natur drum herum. Joaaaa, das ist ja auch jetzt fast so, bis auf das fette Polster auf dem Konto, das Haus, dem verheiratet sein, den Kindern, der Natur. Aber es bleibt „glücklich“ und „Partner“, immerhin. Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich gesagt, die 20er sind dazu da sich einzurichten im Leben, seinen Weg zielsicher zu finden und dann mit dreißig tutti kompletti fertig einfach den Rest des Lebens zu genießen natürlich alles fest im Griff.

So waren sie aber nicht ganz die 20er. Sie waren voller Erlebnisse, Hochs und Tiefs, bedeutender Momente, folgenschwerer Entscheidungen, Umzügen, Abschlüssen, Feiern, dem Suchen, dem Ankommen, dem Verloren gehen, dem Finden, dem Kraft schöpfen, dem Reflektieren, voller Verwirrung, voller Vorfreude, voller Ängste und Zweifel und auch nicht ohne Enttäuschung.

1. Die 20er – Was war los?

Mit Anfang 20 steckte ich bereits im Studium. Das erste Mal auf eigenen Beinen stehen, eine eigene Wohnung mieten, Besichtigungstermine, das erste Mal von Zuhause entfernt wohnen. Meine Mama stand mir nicht nur mit Rat und Tat bei allen Fragen rund um die Waschmaschine, sondern auch bei Koch- und Backtipps zur Seite, mein Papa bei allen handwerklichen Fragen. Das erste Mal ummelden, Strom und Internet anmelden. Die erste große Liebe finden und das erste Mal mit dem Partner in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Zu zweit alleine mit vielen gemeinsamen Möbeln und noch mehr Plänen. Der erste Abschluss und bei der zugehörigen Abschlussfeier die wohlverdiente Urkunde in den Händen halten. Da waren wir also… bereit, direkt nach dem Studium auszuschwärmen und uns niederzulassen. Der erste Job, das erste Gehalt, die erste räumliche Trennung von einem Partner mit dem man doch alles teilte. Die ersten gefühlten Rückschritte, alleine, verloren, ziellos. Man rappelte sich aber immer wieder auf zu Beginn der 20er, machte sich nicht wirklich Gedanken über die Konsequenzen, es wird schon werden, dachte man sich.

2. Welche Erfahrungen ich nicht missen möchte

Die Unbeschwertheit Anfang der 20er, die möchte ich wirklich nicht missen. Dieses Gefühl erlebt zu haben einfach frei zu sein. Zwar war ich wirklich fest im Studium eingebunden, hatte immer viel zu tun. Aber ich konnte mir auch mal einen Tag frei nehmen ohne jemanden zu fragen und ohne einen Tag Urlaub einzureichen. Die durchfeierten Nächte und die Morgen an denen man trotzdem um 8:00 Uhr „fit“ in der Uni saß und aufmerksam zuhörte. Die erste eigene und die erste gemeinsame Wohnung, das erste Mal aufschließen, das erste Mal Post bekommen, den neuen Heimweg antreten. Das Gefühl nach Abschluss des Studiums etwas Großes geschafft zu haben. Sich für Wein am Main verabreden und sich bereits um 17:00 Uhr treffen. Die Freiheit selbst zu entscheiden wieviel man wann und wo machen möchte, auf was der Fokus liegen soll, ohne weitere Verpflichtungen und Sorgen.

3. Auf welche Erfahrungen ich hätte verzichten können

Nächtliche Reis mit Ketchup Orgien nach einer durchzechten Nacht. Rastlos sein, denken es könnte doch noch besser sein, statt an Bewährtem festzuhalten. Die winzige Küche in der eigenen Wohnung OHNE Fenster. Das sind Dinge auf die ich sicher hätte verzichten können.

Und dieses Gefühl von Überforderung, weil man doch noch nicht so gesettled ist, wie man es gerne gehabt hätte. Es tauchen vor allem Ende der 20er immer wieder Zukunftsängste und Zweifel auf, ob man sich denn richtig entschieden hat so wie man sich eben entschieden hat. Wohnt man in der richtigen Stadt ? Hat man den richtigen Partner gewählt? Den richtigen Job? Ist man angekommen? Hat man noch Zeit etwas zu ändern? Die vielen Optionen, die sich für uns tagtäglich aufzeigen und die Möglichkeiten, die sich heutzutage bieten, halten einen dazu an immer wieder die aktuelle Situation zu überdenken. Man steckt in einer Art Zwickmühle zwischen wagen und sichern. Auf der einen Seite Geld ausgeben, feiern, reisen und auf der anderen Seite, sparen, an die Altersvorsorge denken, Sicherheiten aufbauen.

4. Aber was nun? Den Kopf in den Sand stecken?

Ach was, mitnichten. Zwar wird sich dieser Zwiespalt voraussichtlich auch noch nicht so schnell lösen. Aber trotzdem möchte ich diese Erfahrung ebenso wenig missen wie die Reis mit Ketchup Zeit und die durchfeierten Nächte. Denn irgendwie gehören sie alle dazu, die Erfahrung die wir machen und irgendwie machen sie uns dann doch zu dem, der wir sind. Als ich vor ein paar Wochen gefragt habe, ob es etwas gibt, das ihr ändern würdet, wenn ihr könntet, habe ich diese Antwort bekommen:

„NEIN, absolut nichts… denn alles was bisher war hat mich dahin geführt wo ich jetzt bin & zu dem Menschen gemacht der ich jetzt bin. Das war zwar machmal schmerzhaft, aber im Nachhinein betrachtet auf irgendeine Art und Weise wertvoll.“

(Kommentar einer Leserin über Instagram)

Da bin ich also, Ende Ende Ende zwanzig, ich habe viel erlebt, viel gesehen, oft gelacht, manchmal geweint, viel erreicht und doch nicht alles was ich mir erträumt und gewünscht hatte, aber es ist ja eben auch noch Zeit. Lebenswege sind verschieden und auch wenn die Zeit jede Sekunde weiter voran schreitet und verstreicht, nicht mehr aufholbar ist und nicht mehr zurückzudrehen, so ist das trotzdem kein Grund vollkommen aus dem Häuschen zu geraten. Denn eine Sache sollte man sich vor allem aus dem Anfang der 20er dann doch noch in die 30er mitnehmen: Den Glauben daran, dass schon alles irgendwie werden wird. Fragt mal eure Oma oder euren Opa!

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